Medizinischer Goldstandard und Akupunktur – wie sich beides verantwortungsvoll verbinden lässt
Viele Menschen kommen gezielt in meine Ordination, weil sie sich eine Akupunkturbehandlung wünschen. Gleichzeitig bin ich als Arzt verpflichtet, jede therapeutische Empfehlung am aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft auszurichten.
Das kann auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirken. In der Praxis lässt sich dieses Spannungsfeld jedoch gut auflösen – wenn offen, sachlich und transparent darüber gesprochen wird. Genau darum geht es auf dieser Seite.
Was in der Medizin als Goldstandard gilt
Als medizinischer Goldstandard gelten diagnostische und therapeutische Verfahren, deren Wirksamkeit und Sicherheit durch hochwertige wissenschaftliche Studien und durch medizinische Leitlinien abgesichert sind.
Ärztlich korrekt ist es, Ihnen diese Verfahren immer zu benennen und zu empfehlen – insbesondere dann, wenn sie für Ihre Beschwerden klar wirksam sind oder wenn ohne sie relevante Risiken nicht ausreichend abgeklärt werden können. Diese Verpflichtung dient Ihrem Schutz.
Warum Akupunktur dennoch Teil ärztlicher Gespräche ist
Akupunktur steht nicht im Gegensatz zur evidenzbasierten Medizin. In zahlreichen Leitlinien wird sie als ergänzende Maßnahme erwähnt – nicht als Ersatz notwendiger Standardtherapien, sondern als zusätzlicher Baustein unter bestimmten Voraussetzungen.
Die wissenschaftliche Datenlage zur Akupunktur ist dabei nicht einheitlich, sondern hängt stark vom jeweiligen Krankheitsbild ab. Für einige Indikationen zeigen Studien kleine bis moderate Effekte, häufig bei guter Verträglichkeit. Entscheidend ist eine ehrliche, differenzierte Einordnung.
Ärztliche Verantwortung bedeutet auch, Grenzen klar zu benennen
Mir ist wichtig, Ihre Erwartungen realistisch einzuordnen:
- Akupunktur ist kein Ersatz für eine notwendige leitlinienbasierte Therapie.
- Wenn ein wirksamer medizinischer Standard verfügbar ist, werde ich Ihnen diesen klar empfehlen.
- Akupunktur kann ergänzend eingesetzt werden, wenn sie medizinisch vertretbar ist und keine wirksame Behandlung verzögert oder verdrängt.
Diese Offenheit gehört für mich zu einer ehrlichen Arzt-Patienten-Beziehung – auch dann, wenn Akupunktur im Einzelfall nicht sinnvoll ist.
Wie ein individueller Behandlungsplan entsteht
In der Praxis bedeutet das ein klares und strukturiertes Vorgehen:
- Diagnosesicherheit: Zunächst klären wir gemeinsam, ob Ihre Beschwerden eindeutig einzuordnen sind und ob Warnzeichen vorliegen, die eine rasche schulmedizinische Abklärung erfordern.
- Leitlinienorientierte Empfehlung: Ich erkläre Ihnen den medizinischen Standard inklusive Nutzen, Risiken und Alternativen.
- Gemeinsame Entscheidung: Erst danach besprechen wir, ob und in welcher Rolle Akupunktur für Sie ergänzend sinnvoll sein kann und welches realistische Ziel damit verfolgt wird.
Warum Sie sich dennoch bewusst für Akupunktur entscheiden dürfen
Gute Medizin bedeutet nicht „entweder Schulmedizin oder Akupunktur“. Gute Medizin bedeutet informierte Entscheidungen.
Wenn Sie nach umfassender Aufklärung eine ergänzende Akupunktur wünschen und keine medizinischen Gründe dagegensprechen, kann diese Entscheidung ärztlich begleitet und verantwortungsvoll umgesetzt werden.
Leitlinienorientierte Einordnung nach Anwendungsbereichen
Migräne und Kopfschmerzerkrankungen
In neurologischen Leitlinien wird Akupunktur als mögliche ergänzende Maßnahme in der Prophylaxe erwähnt, insbesondere wenn medikamentöse Optionen nicht vertragen werden oder nicht gewünscht sind. Sie ersetzt jedoch keine wirksame Akut- oder Standardprophylaxe.
Mehr erfahren →Chronische Rücken- und Gelenkschmerzen
Bei chronischen Rückenschmerzen wird Akupunktur im Rahmen multimodaler Behandlungskonzepte diskutiert. Sie wird nicht isoliert empfohlen, sondern als Ergänzung zu Bewegung, Aktivierung und weiteren nichtmedikamentösen Maßnahmen.
Mehr erfahren →Frauenspezifische Erkrankungen, z. B. Endometriose
In gynäkologischen Leitlinien wird Akupunktur als mögliche ergänzende Option zur Schmerzreduktion erwähnt. Die Anwendung erfolgt individuell und ersetzt keine notwendige schulmedizinische Behandlung.
Mehr erfahren →Allergische Erkrankungen
Bei allergischer Rhinitis wird Akupunktur in Leitlinien als optionale Ergänzung genannt, etwa wenn Standardmedikamente nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Eine allergologische Basisdiagnostik und wirksame medikamentöse Therapien bleiben dabei zentral.
Mehr erfahren →Supportive Medizin
In der supportiven Medizin wird Akupunktur ausschließlich zur Linderung bestimmter Begleitsymptome eingesetzt, etwa bei therapiebedingter Übelkeit oder Erschöpfung. Sie dient nicht der Behandlung der Grunderkrankung, sondern der Verbesserung Ihres Wohlbefindens.
Wo Akupunktur klare Grenzen hat
Zur ärztlichen Ehrlichkeit gehört auch, offen über Grenzen zu sprechen. Für viele Erkrankungen reicht die aktuelle Studienlage nicht aus, um eine allgemeine Empfehlung zu geben, etwa für eine ursächliche Behandlung chronischen Tinnitus. Auch hier berate ich Sie individuell und realistisch.
Zusammenfassung
Ich empfehle Ihnen immer den medizinischen Goldstandard, weil er die beste verfügbare Evidenz widerspiegelt. Akupunktur hat in meiner Ordination dort ihren Platz, wo sie leitlinienkonform ergänzend und nach sorgfältiger ärztlicher Prüfung sinnvoll ist.
Mein Ziel ist eine Medizin, die wissenschaftlich fundiert ist, ehrlich kommuniziert und Sie als Mensch ernst nimmt.

